Das 1. Stuttgarter Jazz-Symposium
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Orchesterprobenraum

Das 1. Stuttgarter Jazz-Symposium

JazzPop

Musikwissenschaft und Jazzpraxis begegnen sich traditionell eher selten. Selbst das Interesse an Musiktheorie hängt für Jazzer*n stark vom unmittelbaren praktischen Nutzen ab. Effizienz schlägt background checks. Dass Perspektiven außerhalb der eigenen musikalischen Sozialisation crucial sind, sickert als Erkenntnis eher träge in Curricula wie Bewusstsein ein.

 

Das Stuttgarter Jazz-Symposium möchte auf seine eigene Art Begegnungen schaffen: mit Fachbeiträgen und Diskussionen, persönlichem Austausch und Verhandlung aktueller Fragen. Einblicke in aktuelle Jazzforschung, Perspektiven aus vielen Disziplinen, Identifizierung von Schnittmengen, Gewinnung neuer Einsichten - und auch: rauchende Köpfe durch fachliche Herausforderung.

Alles in Allem: eine öffentliche Fachtagung inklusive sinnlicher Erfahrung namens Jazzmusik.


Fachbeiträge:

Dr. Frédéric Döhl (Freie Universität Berlin)
Jazz 1959
In seinem gleichnamigen Buch, das auch eine Versuchsanordnung ist, verhandelt der Autor die Notwendigkeit, das Gehör in die Musikgeschichtsschreibung zu integrieren. Das (exzessive) Hören, das Schaffen einer Soundscape als Gegenentwurf oder Ergänzung zu Bildern, Zitaten oder Anekdoten des Jahres. Denn die Musik liegt, festgehalten auf Tonträgern, tatsächlich vor - wozu überhaupt Ken Burns? Und wie verträgt sich persönliche sinnliche Erfahrung mit multiperspektivischer Erzählung?         


Prof. Hubert Nuss (HMDK Stuttgart)

to infinity and beyond...
Funktionale Farbharmonik und harmonische Mengenlehre als Möglichkeit der Erweiterung der Tonalität

In einer spielerischen Analogie zu Georg Cantors Kontinuums-Hypothese möchte ich aufzeigen, dass in der tonalen Improvisation über Jazzstandards noch viele Wege gangbar sind, ohne die Tonalität zu verlassen. Die Basis bildet dabei ein striktes funktionales Denken, das sich modaler Farbklänge bedient. Ausgangspunkt sind die Denkweisen der Modalität und der erweiterten Tonalität, die 1959 quasi zeitgleich in den beiden Alben KIND OF BLUE und GIANT STEPS von Miles Davis, Bill Evans und John Coltrane eingeführt wurden. Darauf aufbauend lassen sich die horizontalen und vertikalen Darstellungsformen harmonischer Verläufe durch die Zunahme der Anzahl von Schwerpunkttönen erheblich erweitern. Ebenso entstehen durch das Denken in Tonmengen und Strukturen vielfältige Anwendungsmöglichkeiten im Sinne der naiven Mengenlehre, die letztlich in eine Art farbiger Polymodalität münden, ohne den Primat der Funktion zu verleugnen. Die Grenzen zwischen Tonalität, Modalität und Funktionsharmonik sind fließend, und die sich dabei ergebenden farblichen Möglichkeiten sind tatsächlich (scheinbar) unendlich.


Dr. Bettina Bohle (Jazzinstitut Darmstadt)

Begriffe in Aktion – Denken, Sprechen, Spielen im Jazzstudium
Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Qualität“, „Kreativität“ oder „Improvisation“ sprechen? Im Jazzstudium gelten Instrumentalunterricht und Bühne oft als Praxis, ästhetische Reflexion als Theorie. Der Impulsvortrag stellt diese Trennung infrage: Begriffe sind nicht bloße Begleitmusik – sie strukturieren Proben, Prüfungen, Lehrpläne und künstlerische Entscheidungen. 

Begriffe wie „Tradition“, „Genre“ oder „Jazz“ selbst sind historisch gewachsen und mit der Entstehung des Jazz als afroamerikanischer Kunstform verbunden. Sie prägen, wie gelehrt, bewertet und gelernt wird – auch im institutionellen Kontext europäischer Hochschulen. Wer sich dieser Voraussetzungen bewusst wird, gewinnt Gestaltungsspielraum für die eigene Praxis.

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