Interview mit Prof. Dr. Matthias Hermann, Schüler von Helmut La­chen­mann

Sie haben Schulmusik, Dirigieren und Germanistik studiert. Wann und wo sind Sie zum ersten Mal mit der Musik von Helmut Lachenmann in Berührung gekommen und was hat Sie daran so fasziniert?

Das erste Stück, das ich von Helmut Lachenmann gehört habe, war sein Streichquartett Gran Torso, das im Rahmen der Tage für Neue Musik Stuttgart (dem Vorgänger des ECLAT-Festivals) in der Schlosskirche in Stuttgart gespielt wurde. Ich war damals im 5. Semester meines Lehramtsstudiums – und mit der radikalen Zuspitzung seiner klanglichen Formulierungen einerseits und seiner musiksprachlichen Konsequenz andererseits heillos überfordert. Dieses Überfordertsein hat mich – in Verbindung mit seinem höchst anspruchsvollen Unterricht – neugierig gemacht...

Wie erlebten Sie Ihre Rolle als Schüler von Lachenmann – was war das Besondere an der Lehrer-/Mentoren-Beziehung zu ihm?

Helmut Lachenmann verfügt über eine überragende Kenntnis von Musik sämtlicher Epochen und Stile. Ich kenne niemand, der so viele Werke und Partituren jederzeit auswendig auf dem Klavier darstellen und ihre kompositorischen Spezifika bis ins letzte Detail ausformulieren kann – von Palestrina bis Boulez, von Wagner bis Morricone. Als Schüler kann man da nur staunen, manchmal vor dem übermächtigen Wissen kapitulieren – aber auch das Angebot annehmen, von diesem Wissen bestmöglich zu profitieren, indem man lernt, sich im Laufe der Jahre sein eigenes Wissen durch das kontinuierliche Studieren von Partituren aller Epochen, Gattungen und Stile aufzubauen. Über seine eigene Musik hat er im Unterricht übrigens nie gesprochen, da muss man sich an seine publizierten Texte halten. Wir sind uns nun vor bald 44 Jahren zum ersten Mal begegnet, und wir haben seit vielen Jahren eine vertrauensvolle Freundschaft. Er hat seine Schüler in ihrem Komponieren immer mit großer Aufmerksamkeit und offenen, kritischen Fragen begleitet. Es ging dabei um die Fragen, die er ständig auch an sein Komponieren und sich selbst stellt.

Lachenmann spricht von „Befreiung des Hörens“.  Was bedeutet für Sie persönlich „befreites Hören“ – und wie versuchen Sie, diese Haltung im Unterricht zu fördern?

Befreites Hören meint unvoreingenommenes Hören – dass das Ohr nur noch hört, was es hört, und nicht mehr das, was es erwartet. Also die Bereitschaft, Musik sie selbst sein zu lassen, und ihr nichts überzustülpen. Etwas vereinfacht reduziert auf die Frage: wenn mir eine Musik nicht gefällt, liegt es dann an der Musik oder liegt es an mir? Bin ich bereit, eine Musik erwartungsfrei zu hören – und mich vielfältig überraschen bzw. neugierig machen zu lassen?

Im Unterricht kann ich über Prägungen durch Erwartungshaltungen sprechen – und mit den Studierenden immer wieder Musik hören, die Fragen an unser Hören stellt. Diese über den jeweiligen Horizont hinaus weisenden Fragestellungen diskutieren wir im Unterricht bei der Musik von Beethoven, Wagner oder Mahler genauso wie bei der Musik von Lachenmann. Im Bereich der Bildenden Kunst treffen wir vermutlich auf eine grundsätzlich größere Offenheit als in der Musik – aber auch das gilt es, zu diskutieren.

Für Musiker*innen/Komponist*innen, die erstmals in Lachenmanns Klangwelt eintreten möchten, welche typische „Einstiegs-Hürde“ sehen Sie – und wie kann es gelingen, diese zu überwinden?

Die große Hürde beim Einstieg ins Spielen von Lachenmanns Musik ist die Auseinandersetzung mit den von ihm größtenteils neu entwickelten Spieltechniken und Notationsformen. Hier braucht es viel neugierige Offenheit, experimentierfreudige Bereitschaft und Geduld – und im besten Fall eine intensive Zusammenarbeit mit erfahrenen Musikern, die viel Wissen über Lachenmanns Spieltechniken haben und die essentiellen Aspekte der Klänge detailliert vermitteln können.

Die große Hürde beim erstmaligen Hören von Lachenmanns Musik? Das Einfachste ist, man geht neugierig hin. Bei Lachenmanns Musik hilft das unmittelbare Erleben der Musiker und Musikerinnen auf der Bühne ungemein, weil man sich bei vielen Klängen nicht vorstellen kann, wie sie erzeugt werden. Wenn man die Musikerinnen und Musiker live in Aktion erlebt, bekommt man viel mehr mit – und kann sich auch von Leidenschaft, Spielfreude und virtuoser Musizierlust anstecken lassen. Im Radio oder Audio-Stream ist das kaum leistbar, da läuft man schnell Gefahr, dass die Musik beim Hören fremd bzw. nicht erschließbar bleibt.

Also: zum Konzert kommen!