Interview mit Dauners Frau Randi Bubat

42 Jahre hat Randi Bubat mit Wolfgang Dauner zusammengelebt und gearbeitet. Hier erzählt sie, was uns am 18. November in der Liederhalle erwartet, aber auch, was Wolfgang Dauner menschlich ausgemacht hat.

Hannah Clauß: Was ist einzigartig an den Kompositionen, die am 18. November beim „Tribute to Wolfgang Dauner“ zur Aufführung kommen?

Randi Bubat: Wolfgang Dauner war einzigartig in seiner Vielschichtigkeit, in seiner interdisziplinären Arbeit, vor allem in seiner großen Freiheit. Was automatisch zu den Stücken führt. Seine große Sehnsucht war, überraschenderweise für einen Jazzmusiker und Komponisten, dass für ihn immer ausschließlich der große Klangkörper wichtig war. Die Klassik und den Jazz zu verbinden, zu verschmelzen – wie unsere gemeinsame Liebesgeschichte – das hat er geliebt. Das war immer seine Herausforderung. Wenn er mich in der Oper besuchte, dann hieß es immer: „Da kommt der Jazzer!“, so der Begriff der damaligen Zeit. Das hat ihn oft ein bisschen gestört, irritiert, weil er natürlich alle Partituren aus allen Genres der Musik gelesen hat.

Aber das größte Ansinnen von Wolfgang war, neben der kompositorischen Arbeit eines Jazzkomponisten und Pianisten, für beide Klangkörper zu komponieren. D.h. die Klangkörper, U- und E-Musik, die damals strikt voneinander getrennt wurden, zu verschmelzen. Er hat Zeit seines Lebens gegen die Trennung von U- und E-Musik gearbeitet. Insgesamt hat er 15 bis 20 Musikstücke komponiert, die alle eine Mischung aus Orchester, Streichorchester, Kammerorchester (eine große Zuneigung bestand zum Stuttgarter Kammerorchester) waren. Das war das Allerwichtigste und ich glaube auch das Einzigartige, weil er sich nie von der rein komponierten Musik gelöst hat. Wir reden ja immer von Freiheit, von Improvisation. Das ist wie eine Mutterwolke, die über dem Jazz schwebt. Seine Werke waren durchkomponiert und das werden wir auch am 18. November im Konzert erleben: Ein durchkomponiertes Werk. Ich musste die Notenstimmen dafür zusammenstellen. Es sind ungefähr 68! In jedem Fall war hier alles voll. Als ich es dann abgeliefert habe, waren es 5 Kilo. Ein Kartoffelsack voll.

Hannah Clauß: Was inspirierte Ihren Mann zu den Stücken, die in der Liederhalle gespielt werden? Das heißt zur „Feuerwerxsmusik“, zum „Wendekreis des Steinbocks“ und zur „Second Prelude to the Primal Scream“?

Randi Bubat: Musik-politisch gesehen gab es immer zwei Genres: die Klassik und den Jazz. Die große Freiheit des Jazz war es, diese beiden Klangkörper in eine komprimierte Form zu bringen. Gemeinsam mit einem Sinfonieorchester. Wolfgang hat es nie losgelassen, so zu komponieren. Und interessant ist, „Wendekreis des Steinbocks“ ist eines der Stücke, das es für Soloklavier gibt, für Dauner und Dauner [Anm. d. Red.: Wolfgang und Florian Dauner], und für das Stuttgarter Kammerorchester. Das Stück gibt es also in verschiedenen Konfigurationen. Das hat ihn immer unglaublich fasziniert: Dieser große Spielraum, diese große Spielwiese. Wenn es nicht gepasst hat, dann wurden einfach 20 Streicher reingesetzt oder anderweitig die Emotionen gelöst, z.B. über Themen des klassischen Orchesters. Ich denke, das ist das Größte, das Wichtigste. Und mit emotional meine ich es wie mit der Liebe: Das Zusammenschmelzen von zwei Klangkörpern. So könnte ich eigentlich auch unsere 40 Jahre Ehe beschreiben.

Ich komme aus der zeitgenössischen Musik. Als wir uns kennengelernt haben, habe ich nichts verstanden. Ich musste lernen, dass ich klatschen muss nach einem Soloauftritt.

Ich musste erst anders hören lernen. Jazz habe ich richtig mit ihm und durch ihn gelernt. Gerade auch im Zusammenleben mit ihm in einem Haus. Da hört man jeden Ton. Das war eine ungeheuer spannende Zeit. Und was ich nie begriffen habe, und was ich bis heute hasse, ist der Free Jazz. Es hat nichts mit meinem Denken von Musik, mit meinen Harmonien, Sehnsüchten und auch mit meinen gewaltvollen, extremen Gedanken der Musik zu tun.

Hannah Clauß: Was bedeutete Stuttgart musikalisch für Ihren Mann?

Randi Bubat: Die wichtigste Verbindung zu Stuttgart ist Bad Cannstatt: der Begriff von Heimat. Wolfgang Dauner ist als Waisenkind groß geworden. Er wurde nach dem Krieg mit einem Leiterwagen durch Cannstatt gezogen. Wer will dieses Kind? Bis sich dann seine spätere Pflegemutter gemeldet hat. Das bedeutet schon was: Die Jugendjahre als Waise zu erleben. Es gab den Vater, auch die Mutter, aber wie es im Krieg war: Die Kinder wurden weggegeben. Der Vater tauchte zwischendurch wieder auf. Dennoch prägt es das ganze Leben, in dem Zusammenhang: „Ich möchte eine Familie, ich möchte Kinder, ich möchte eine Ehefrau.“. Er wollte die klassischen Konventionen der Familie erfüllen: Kinder erziehen mit all dem Wissen, was an ihm falsch gemacht oder ausprobiert wurde. Er wollte es besser machen. Wolfgang Dauner wurde in erste Linie von unendlich vielen Frauen erzogen. Auch seine Beziehung zu Frauen wird durch seine Erziehung in ein ganz neues Licht gerückt.

Wolfgang war auch aufgrund seiner beiden Kinder Sian und Florian an Stuttgart gebunden. Das Zweite ist sein Verantwortungsgefühl für seine Kinder. Bei unserer Verliebtheit wollte ich nicht mehr in Stuttgart wohnen, sondern in Frankfurt, da ich dort an der Oper interessante Musik- und Ballettprojekte realisiert habe. Wir haben uns ineinander verliebt, aber für Wolfgang stand fest: „Nein, ich verlasse diesen Ort nicht!“ Und das, was er sagte, war ebenfalls korrekt. Auch für mich hat sich das bewahrheitet: Stuttgart ist die beste Stadt zum Reisen. Stuttgart war und ist ein zentraler Punkt in unserem gemeinsamen Leben. Hier haben wir uns wohlgefühlt und fühlen uns weiterhin wohl. Als jemand, der zur Hälfte aus Schwaben kommt, sage ich Folgendes: Wir haben uns sehr wohl gefühlt, waren ständig in der Welt unterwegs und das war schön.

Auch ich wollte irgendwann nicht mehr aus Stuttgart weg. Die ganzen Verbindungen, die wir hier haben: die Musikhochschule, die Kulturmeile der Stadt, die Oper, die Landesbibliothek, das Stadtpalais – alles, was in dieser Meile zusammenkommt, ist tatsächlich seine Heimat und auch meine Heimat, weil er hier an der Hochschule studiert hat. Der Begriff der Heimat passt also meiner Meinung nach gut.

Hannah Clauß: Was möchten Sie uns noch über Wolfgang Dauner mitteilen?

Randi Bubat: Das Schönste ist eigentlich, dass es tatsächlich funktioniert: Die Liebe zu leben mit zwei so außergewöhnlichen Künstler-Persönlichkeiten, wie uns beiden. Ich kann nur sagen, davon können alle etwas lernen. Wir haben es mit großer Begeisterung geschafft. Wenn ich an Wolfgang denke, denke ich tatsächlich in erster Linie an das freiheitliche Denken und an seinen Humor. Wolfgang war ein unglaublich humorvoller Mensch!

Das spiegelt sich auch in seinen Werken wider und auch im Stück „Second Prelude to the Primal Scream“. Das werden wir auch am 18. November hören. Ich habe diesen Titel gehasst. Ich habe immer gesagt: „Nenn es doch: Zweiten Auftakt für den Urschrei.“ Ich bin eine Verfechterin der deutschen Sprache. Er hat nicht auf mich gehört, wie so oft. Aber es ist das letzte wirklich sehr große Werk. Es wurde bei den Berliner Jazz-Tagen als „Urschrei“, als szenische Oper aufgeführt und 2002 umgearbeitet als eine Auftragskomposition für den deutschen Musikrat. Es war eine große Ehre für Wolfgang, dass der deutsche Musikrat tatsächlich einem Jazzmusiker ein solches Werk mit Orchester und Big Band übertragen hat. Und das Humorvolle daran ist, dass es als Divertimento angelegt ist, also eine künstlerisch-vergnügliche Begegnung zwischen Jazz und Klassik. Dieses letzte große Werk, das wir da hören werden, hat alles in sich – z.B. Humor: Das Orchester wird sprechen und sie stolpern wirklich alle darüber. Es wird für den Dirigenten das Schwierigste sein, das Orchester sprechen zu lassen. Ich habe es ja selbst ein paar Mal miterleben dürfen. Dieses Werk wurde in Berlin uraufgeführt und danach dann acht Mal in Europa mit Dennis Russell Davies, also ein großer Vorgänger sozusagen zu Rasmus Baumann. Das sind Fußstapfen, die nicht klein sind. Ich bin wahnsinnig neugierig darauf, wie Rasmus Baumann das mit dem HochschulSinfonieOrchester der HMDK am 18. November umsetzen wird.