Öffentlicher Praxisworkshop „Der romantische Beethoven“
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, 25.–27. November 2026
Konzerte, Lecture-Recitals, Vorträge, Round-Tables
Beiträge von Artem Belogurov, Christine Busch, Julian Caskel, Octavie Dostaler-Lalonde, An-derson Fiorelli, Tobias Janz, Andreas Meyer, Stefania Neonato, Neal Peres Da Costa,Pedro Sperandio, Frithjof Vollmer u.a.
In Verbindung mit dem „Haus der Musik“ im Fruchtkasten (Landesmuseum Württemberg)
Naheliegenderweise ist unser Verständnis einer bestimmten Musik entscheidend davon geprägt, wie sie gespielt oder gesungen wird. Ludwig van Beethoven auf die Romantik zu beziehen, erfordert insofern auch veränderte Zugänge zur praktischen, performativen Interpretation (und in letzter Instanz zum musikalischen Hören). Was aber meint hier „romantische“ Interpretation – mit Blick auf Beethovens Zeit, auf über 200 Jahren Interpretationsgeschichte, schließlich auf unsere Gegenwart?
Im 20. Jahrhundert verstand man unter „Romantik“ einen eher schweren und voluminösen Klang, auffällige Rubati bzw. nicht-notierte Tempomodifikationen, eine Häufung „expressiver Gesten“ (Frithjof Vollmer), teils auch eine weiträumige, suggestive Dramaturgie der Form (man denke z.B. an Wilhelm Furtwänglers Beethoven-Aufnahmen). Diese spezifische Verbindung von „Expression“ und „Konstruktion“ ist nach heutiger Kenntnis im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts überhaupt erst entstanden; die historische Praxis des 19. Jahrhunderts ist davon deutlich zu unterscheiden. Schon die Ästhetik der Beethoven-Zeit selbst unterlag einer stetigen und tiefgreifenden Entwicklung. „Classical and Romantic Performing Practice“ (Clive Brown) bilden nicht zwei verschiedene, in sich geschlossene stilistische Welten, sondern greifen viel stärker ineinander, als es die Dogmen vom „period style“ wahrhaben wollen. Beethoven selber bemühte sich z.B. auf dem Klavier (nach dem Zeugnis Carl Czernys) um besondere Sanglichkeit und Legato und wollte diese Art cantabile vom „gehackten und kurz abgestoßenen Spiel“ der Mozart-Zeit unterschieden wissen. Bekanntlich durchlief allein der Klavierbau während seiner Lebenszeit einen dramatischen Wandel. Auch die Rhetorizität und Expressivität der Musik Beethovens, der Prozesscharakter der Form (mitunter aber auch die Suspension der vergehenden Zeit!) waren zu seiner Zeit „neu“. Hinzu kommt ein gewandeltes Verständnis von Autorschaft und Verbindlichkeit des Notentextes.
Neben neuen Zugängen und Impulsen der „Historisch informierten Interpretation“ thematisiert der Workshop Fallbeispiele aus der historischen Interpretationsforschung (z.B. mittels Tondokumenten oder auch, für die ältere Praxis, Instrumentalschulen und instruktiven Ausgaben). Die Beethoven-Auffassung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist nicht einfach ein Missverständnis, sondern eine künstlerische Praxis eigenen Rechts, die für aktuelle Interpretationen ein faszinierendes Gegenüber bilden kann – in der kreativen Anverwandlung, aber auch in der Abstoßung von einem heute vielleicht obsoleten Romantik-Verständnis. Die starren Grenzen zwischen verschiedenen Interpretationskulturen („alte“ vs. „neue“ vs. „klassisch-romantische“ Musik) sind seit geraumer Zeit gefallen, und so ist der Weg frei, den „romantischen Beethoven“ neu zu entdecken – vielleicht von der Gegenwart her, vielleicht von Furtwängler her (oder von Joseph Joachim) und vielleicht sogar von der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts.
Neben Beispielen aus der Kammermusik oder dem Lied, die eher den praktischen Anteilen auf dem Workshop entsprechen, können (mittels historischer Tondokumente) auch solche aus dem symphonischen Bereich eingebracht werden, die z.B. Themen wie Klanggewalt, Überwältigung oder Monumentalität veranschaulichen. Auch das Heroische bei Beethoven hat eine romantische Rezeptionsgeschichte, bis hin zur Perversion dieser Idee im 20. Jahrhundert („stählerne Romantik“). Über die Genres und Sparten hinweg stellen sich Fragen der musikalischen Form – solche nach Tektonik, Struktur, dem Verhältnis von Partikularem und Ganzem. Interpretation hat nicht lediglich die Aufgabe, komplexe Formverläufe zu „verdeutlichen“ (womöglich als treue Dienerin der musikalischen Analyse), sondern muss auch dem Zerfließenden, Uneindeutigen, Schwebenden Raum geben – wie macht man das?
Eingangs des Workshops wird die Konzeption des Projektes insgesamt (im Vorgriff auf die Bonner Tagung) auf dem bis dahin erreichten Stand vorgestellt und diskutiert. Im Dialog von wissenschaftlichen und künstlerischen Positionen wird der „romantische Beethoven“ einem „Praxischeck“ unterzogen. Während die aktuelle Praxis (hoffentlich) Impulse aus der Forschung bezieht, ist sich umgekehrt eine reflektierte Wissenschaft bewusst, dass ihre Theoreme nicht am Schreibtisch entstehen oder im Archiv, sondern immer auch unter dem Eindruck zeitgenössischer Interpretationen bzw. der klanglichen Realität unserer Gegenwart.
Programm
Mi., 25.11.2026, „Haus der Musik“ im Fruchtkasten
– tagsüber nicht-öffentlicher Studientag bzw. Proben –
19:00 Eröffnungskonzert
(Schüler der Klassen Christine Busch und Stefania Neonato)
Tickets 8 Euro / erm. 5 Euro; online unter landesmuseum-stuttgart.de/tickets/alte-musik
Do., 26.11.2026, Kammermusiksaal und Senatssaal der HMDK Stuttgart
10:00 Eröffnung
(Kammermusiksaal)
Begrüßung durch KS Axel Köhler, Rektor der HMDK Stuttgart
Zur Projektidee
Tobias Janz (Universität Bonn), Andreas Meyer (HMDK Stuttgart), Christine Busch (HMDK Stuttgart)
11:00–13.00 Vorträge / Lecture-Recitals
(Kammermusiksaal)
Neal Peres Da Costa (University of Sydney), Claire Burrell McDonald (Griffith University), Clive Brown (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien)
The lark at Beethoven’s gate: Henrietta Sontag’s beautiful singing
Octavie Dostaler-Lalonde (Conservatorium van Amsterdam), Artem Belogurov (Conservatorium Utrecht)
Reading Between the Lines of Beethoven’s Cello and Piano Works: A Performer’s Toolkit
14:30 Führung durch den „Fruchtkasten“
(Charlotte Schönebeck, Landesmuseum Württemberg Stuttgart, nur für Referenten)
16:00–18:30 Vorträge / Lecture-Recitals / Hörsession
(Senatssaal)
Anderson Fiorelli (HMDK Stuttgart), Sofya Gandilyan (HMTM München)
„...als abstoßend und ungenießbar zurückgelegt“:
Warum Beethovens Werke für Cello und Klavier gegen den Zeit-geschmack verstießen und wie wir sie in die heutige Aufführungspraxis übersetzen
Pedro Sperandio (HMDK Stuttgart)
The Proverbial Beethoven: Reflecting on Adagio Sections
Tobias-Robert Klein (HMDK Stuttgart)
Babylon – Beethoven. Zwischen Romantik und alter, neuer Sachlichkeit
19:00 Konzert
(Kammermusiksaal)
Christine Busch, Stefania Neonato
Eintritt frei
Fr., 27.11.2026, Senatssaal und Kammermusiksaal der HMDK Stuttgart
10:00–12:15 Hörsession / Vortrag / Lecture-Recital
(Kammermusiksaal)
Frithjof Bömcke-Vollmer (HfM Detmold/Universität Paderborn)
Das Kantable als Ort des Romantischen. Komponierte und interpretierte Zeit in Beethoven-Tondokumenten des 20. Jahrhunderts
Julian Caskel (Folkwang Universität der Künste Essen)
Der aktualisierte Spätstil: Das Lebensalter als Einfluss auf die Beethoven-Interpretation
Stefania Neonato (HMDK Stuttgart)
If Beethoven had a Steinway Concert Grand... Reflections on Two-hundred Years of Modern Performance and Historical Practices
13:00 Roundtable „Der romantische Beethoven“
(Senatssaal)
Julia Ronge (Beethovenhaus Bonn), David Müller (HMDK Stuttgart) u.a.




















