Das Akkordeon
Das Akkordeon, so die Website die das Instrument des Jahres gekürt hat, ist 2026 offiziell zum Instrument des Jahres gekürt, da das Akkordeon weit mehr drauf hat, als viele vermuten: Es ist Klangkörper, Rhythmusmaschine, Orchester-Ersatz und manchmal sogar latenter Komiker in einem einzigen rechteckigen Paket. Die deutschen Landesmusikräte möchten mit dieser Auszeichnung die Vielseitigkeit des Instruments zeigen und dem oft belächelten „Quetsch-Image“ den Garaus machen. Ursprünglich patentierte Cyrill Demian im Jahr 1829 in Wien das erste Akkordeon – und verpasste dem Instrument damit eine unglaublich lebendige Zukunft. Der Name leitet sich nicht von einer sonderbaren deutschen Wortschöpfung ab, sondern von „Akkord“, weil die ersten Modelle beim Tastendruck ganze Akkorde erklingen ließen. Quelle
Fragen an Andreas Nebl, Lehrbeauftragter für Akkordeon zu seinem frisch gekürten Musikinstrument:
Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob das Akkordeon anders klingen würde, wenn anstelle von Luft Wasser oder eine andere Flüssigkeit durch den Balg strömen würde? Könnte das aus Ihrer Sicht funktionieren und wie würde sich das vermutlich anhören?
(Lacht!) Das ist ja gleich zum Einstieg eine überaus fantasievolle Frage! Um es einigermaßen sachlich zu beantworten: ja, es würde vollkommen anders klingen, weil der Ton des Akkordeons durch frei schwingende Metallzungen entsteht, welche ausschließlich durch Luft zum Schwingen gebracht werden können. Sobald Flüssigkeit anstatt Luft durch den Balg strömen würde, bliebe das Instrument tonlich stumm. Natürlich, für die Zukunft möchte ich technologisch nichts ausschließen – aber bislang würde ein solcher Vorgang lediglich eine größere Reparatur nach sich ziehen.
Was würden Sie Menschen sagen, die noch nie ein Akkordeon live gehört haben, damit sie sich öffnen für den Klang dieses Instruments?
Ich lade alle Menschen zu einem meiner Konzerte ein, um dieses Instrument hörend zu erleben. Das Akkordeon ist in seiner Klanglichkeit und Bewegungsdynamik sicherlich einzigartig. Es gibt inzwischen eine ganze Menge an spannender Sololiteratur, aber am interessantesten zeigt es sich aus meiner Sicht in der Kammermusik. Auch viele Musiken aus anderen Zeiten gilt es allein aus dem Prinzip der musikalischen Bildung mit diesem jungen Instrument forschend in einem neuen Gewandt darzustellen. Das Akkordeon ist kein – möglicherweise durch bestimmte Bereiche der Öffentlichkeit suggerierter – Stil, sondern ein Instrument, dessen spezifische Klangfarben durch Register und einen Balg entstehen, den man beim Spiel im Idealfall an den Atem „hängen“ kann. Die Tasten und Knöpfe des Akkordeons kann man über differenzierte Artikulation senken und wieder anheben. Sie öffnen und schließen die Räume, um die bereitgestellte Luft des Balgs zum Stimmmaterial strömen zu lassen. Manche klanglichen Querverbindungen zu Orgel und Klarinette finde ich gar nicht abwegig.
Was ist für Sie das Faszinierendste am Akkordeon, das andere Instrumente Ihrer Meinung nach nicht leisten können?
Das Akkordeon kann liegende Klänge dynamisch enorm beeinflussen und über Wege eben der Artikulation gleichzeitig transparent machen. Faszinierend ist, dass es wie kein anderes Instrument sehr großflächig eng am menschlichen Körper liegt. Dadurch entsteht ein ganzkörperlicher Umgang mit der für den Klang so entscheidenden Luft im Balg. Einerseits führt man den Balg über einen Riemen zunächst mit der linken Spielseite. Jedoch, sobald man den Körper frei bewegt, bekommt dieser Balg einen veränderten Fallwinkel, und der Ton wird unmittelbar beeinflusst. Deshalb ist es tatsächlich der ganze menschliche Körper, welcher den Akkordeonton formt, das zyklische bzw. antizyklische Spiel der beiden Lungen – der menschlichen und jener mechanischen im Akkordeonbalg – beim Musizieren ist das aus meiner Sicht nach wie vor enorm faszinierend.
Sie spielen regelmäßig in internationalen Ensembles und bei Festivals – gibt es ein musikalisches Erlebnis mit dem Akkordeon, das Sie besonders überrascht oder Ihre Vorstellung von Klang und Publikum verändert hat?
Ich gestalte seit vielen Jahren zusammen mit der japanischen Künstlerin Naoko Takeuchi Konzerte in Japan. 2014 bei einem Mittagskonzert in der Präfektur Mie spielte ich vor ca. 2000 Menschen unter anderem das Stück „Melodia“ des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa. Es wurde 1979 für das Akkordeon geschrieben, ist jedoch auch sehr geleitet von der traditionellen, spirituellen Atmosphäre der Gagaku-Musik des japanischen Hofs seit Beginn des 9. Jahrhunderts, in welcher das Instrument „sho“ (Vorläuferinstrument des heutigen Akkordeons) eine zentrale Rolle spielt. Während der ca. zwölf Minuten des Vortrags in diesem großen Saal erlebte ich eine kaum fassbare, konzentrierte Stille, ein Zuhören, in einer Form, welche ich vorher und nachher nie wieder erlebt habe. In unseren Breiten wird dieses Stück einerseits der „Neuen Musik“ zugeordnet. Dort wurde mir jedoch zutiefst bewusst, dass ich damit ganz im Gegenteil auch IHRE, im kollektiven Bewusstsein über viele Generationen längst verankerte Musik wiedergab. Mich beschlich dabei ein starkes Gefühl der Demut. Ich werde das Stück übrigens auch beim Konzert mit meiner Klasse am Sonntag 21. Juni 2026 hier an der HMDK spielen.



















