Sirius 6.0

    ein Flügel, der Hände wachsen lässt

    AKTUELLES

    Symposium: SIRIUS 6.0 im Kontext | 19.11.2022


    Künstlerische, historische, physiologische, psychologische, pädagogische, gesellschaftliche und klavierbauliche Perspektiven von Klaviaturen mit alternativer Mensur

    Symposium im Rahmen des 12. Stuttgarter Musikfestes für Kinder und Jugendliche 2022 "Beethoven! Reloaded"

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    ZUKUNFTSINITIATIVE SIRIUS 6.0

    Die Zukunftsinitiative Sirius 6.0 der HMDK Stuttgart widmet sich seit 2020 der Verbreitung und Weiterentwicklung von Klaviaturen mit verkleinerter Mensur. Sirius 6.0 ist der erste Flügel an einer europäischen Musikhochschule mit einer 6.0 inch-Klaviatur. Er lässt Hände um 12 mm pro Oktave „wachsen“. Unser Prototyp ist ein Yamaha-Stutzflügel mit einer optimierten 6.0 Klaviatur von Laukhuff.

    Spielgefühl & Adaption
    Pianist*innen mit mittleren und kleineren Spannweiten beschreiben ihr Spielgefühl an Sirius 6.0 als „freier“, „weniger anstrengend“ und

    „… dass es möglich ist, sich beim Spielen ganz auf die Musik, auf Klang und Ausdruck zu fokussieren. Die Hände kommen fast nie in Positionen, die eine Begrenzung in der Klanggestaltung bedingen.“

    „Schon bei meiner ersten Begegnung mit Sirius 6.0 fühlte ich mich körperlich freier. Ich konnte mich mehr auf künstlerische Dinge konzentrieren wie z. B. das Erzeugen von Farben, das Ausbalancieren von Akkorden, Phrasierung, außermusikalische Vorstellung usw., anstatt zu analysieren, wie man die körperliche Anspannung bei besonderen technischen Herausforderungen reduzieren kann.“

    „Es geht nicht nur darum, jetzt Dezimen leichter greifen zu können – sondern vorallem um das freiere Spiel der anderen Finger während ich Oktaven spiele.“

    Die meisten Pianist*innen können sich spontan auf die neue Mensur einstellen oder innerhalb von wenigen Minuten adaptieren. Dies verwundert kaum, wenn man etwa an Bratscher denkt, die Violine spielen, oder an Pianist*innen, die zwischen verschiedenen historischen Tasteninstrumenten hin- und herwechseln. Überraschend scheint, dass viele Pianist*innen die größere Leichtigkeit auf die Normklaviatur übertragen können, wenn Sie zuvor auf Sirius 6.0 geübt haben. Vermutlich verfeinert sich das Tastgefühl durch die differenzielle Erfahrung auf dem Tastenrelief. Ein spannender Effekt, selbst wenn man (noch) keine 6.0-Klaviatur auf dem Konzertpodium zur Verfügung hat.

    Kontext
    Wissenschaftliche Grundlage sind Daten von Pianistinnen und Pianisten für mehr als 50 Handeigenschaften (Spannweiten, Rotationswinkel etc.)1 sowie über kausale Zusammenhänge von geringen Spannweiten und spielbedingten muskuloskeletalen Überlastungssyndromen wie Sehnenüberreizung, Ganglion, einschlafende Finger etc.2

    Wir führen einerseits die musikphysiologische Forschung von Christoph Wagner mit klavierspezifischem Fokus weiter und andererseits das Konzept individueller Klaviaturmensuren, das in den 1990er Jahren in den USA mit Steinbuhler-Klaviaturen in 6.0 und 5.5-Mensur begann und bereits an etlichen amerikanischen Universitäten verbreitet ist.3

    Auch Daniel Barenboim spielt seit mindestens 2008 eine Klaviatur mit ca. 7 mm kürzeren Oktaven.4 Diese Klaviaturmensur entspricht etwa den historischen Tasteninstrumenten um 1800–1850.5

    Individualität & Chancengerechtigkeit
    „Chancengleichheit ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal einer zukunftsfähigen Hochschule“ – so steht es im Struktur- und Entwicklungsplan 2022–2026 der HMDK Stuttgart. Wir freuen uns über das wachsende Bewusstsein in Gesellschaft, Kunst und Forschung für Individualität, Diversität, Gender, Chancengerechtigkeit etc. und sind dankbar für die Unterstützung der Gleichstellungskommission der HMDK Stuttgart.

    Chancengleichheit für Pianist*innen beginnt auf ihrem tagtäglichen Spielfeld. Wen wundert es noch, dass Klavierwettbewerbe viel häufiger von Männern gewonnen werden als von Frauen? Die Daten von Musiker*innen belegen bei der Spannweite 1–5 individuelle Unterschiede von bis zu 10,9 cm. Der Mittelwert von Frauen liegt dabei 2,1 cm unter dem von Männern (… fast eine Taste). Der Mittelwert von z.B. Asiatinnen liegt 6 mm unter dem Mittelwert von Europäerinnen. Ist die seit 1880 bestehende DIN-Norm also vor allem für große europäische Männerhände gedacht?

    Auch Kinder und Jugendliche würden von kleineren Klaviaturmensuren profitieren, ebenso Senior*innen, da die Gelenkbeweglichkeit mit dem Alter abnimmt. Die Zielgruppen für (ent)spannende Perspektiven sind also ausgesprochen vielfältig, im professionell künstlerischen wie im professionell pädagogischen Bereich.  

    weltweit vernetzt
    Die Zukunftsinitiative Sirius 6.0 ist mit der globalen Initiative PASK (Pianists for Alternatively Sized Keyboards) vernetzt. Gäste aus dem In- und Ausland sind herzlich willkommen. Sirius 6.0 ist auf (inter)nationalen klavierpädagogischen und musikermedizinischen Tagungen präsent. Gerne stehen wir Hochschulen und Pianist*innen beratend zur Seite, die einen Flügel oder ein Klavier mit einer Klaviatur mit verkleinerter Mensur ausstatten möchten.

    Auf Initiative von Silvia Molan und in Kooperation mit der DS Foundation (Pennsylvania/USA) steht seit Februar 2022 in A Loja de Pianos in São Paulo/Brasilien ein Yamaha C7X Konzertflügel mit einer DS6.0-Klaviatur zum Üben, Proben und Konzertieren bereit. Der erste Flügel mit verkleinerter Klaviaturmensur in Südamerika – an einem Treffpunkt der Pianist*innen-Szene.

    Unter dem Motto Narrow Keys … Broad Minds … No Boundaries geht seit 2021 das Internationale Stretto Piano Festival auf der New Yorker Plattform MUSAE über die virtuelle Bühne. Sirius 6.0 und die HMDK Stuttgart sind auch im Juni 2022 wieder mit drei Recitals vertreten, ebenso wie der Flügel in São Paulo. Die insgesamt 30 Pianist*innen spielen etwa zur Hälfte eine 6.0-Klaviatur und zur Hälfte eine 5.5-Klaviatur (Oktave 24 mm kürzer). Bei letzterer werden Dezimen zu Nonen und Nonen zu Oktaven.


    1 Wagner, Christoph: The pianist's hand: anthropometry and biomechanics, in: Ergonomics 31 (1988) S. 97-131; Boyle/Boyle/Booker: Pianist Hand Spans: Gender and Ethnic Differences and Implications for Piano Playing; Australasian Piano Pedagogy Conference Proceedings 2015.
    2 Wagner, Christoph: Hand und Instrument: Musikphysiologische Grundlagen, praktische Konsequenzen, Wiesbaden 2005; Wohlwender, Ulrike: Riskante Winkel. Ursachen von Overuse-Syndromen auf der Spur; in: Üben & Musizieren 5-2019, S. 14-20
    3 Leone, Carol: Personal touch, in: International Piano, 1/2 2017, S. 32f; Leone, Carol: Size is key: Ergonomically scaled piano keyboards, in: Clavier Campanion 9/10 2015, Vol. No. 5, S. 11-21
    4 Kimmelman, Michael: A Whirlwind Named Barenboim; in: New York Times, 23.11.2008
    5 Sakai, Naotaka: Keyboard Span in Old Musical Instruments Concerning Hand Span and Overuse Problems in Pianists; in: Medical Problems of Performing Artists 23(4):169-171, 12-2008

    RÜCKBLICK

    Konzert & Get Together | 21.04.2022


    OPR | HMDK Stuttgart

     
     


    Sirius 6.0 im Kontext: alternative Mensuren für individuelle Pianist*innenhände
    Kurzvortrag Prof. Ulrike Wohlwender

    Gesprächsrunde 1
    Erfahrungsaustausch der Sirius 6.0-Pianist*innen über Spielgefühl, Adaption und Repertoire
    mit Jinzi Ju, Silvia Molan, Prof. Hubert Nuss, Amelie Protscher, Mami Shikimori, Yu Tashiro, Sophia Weidemann, Sine Winther

    Gesprächsrunde 2
    über künstlerische, historische, klavierbauerische, musikphysiologische und pädagogische (Zukunfts)Perspektiven von Klaviaturen in alternativen Mensuren mit Alexandra Müller (Musikphysiologie), Henning Reichstatt (Vorbesitzer von Sirius 6.0), Harald Schlecker (Klavierbaumeister) und Sonia Achkar (Klavier)

    Prof. Ulrike Wohlwender (Leitung), Silvia Molan (Assistenz)

    Programm

    Increasing Performance Potential – Lecture | 02.07.2022


    Zoom mit “Public Viewing” / Raum 7.17

    Prof. Dr. Carol Leone (SMU Dallas/Texas) zu Gast an der HMDK Stuttgart
    Ein leidenschaftlicher und informativer Vortrag von Dr. Carol Leone, Professorin für Klavier und Leiterin des Fachbereichs Klavier an der SMU Dallas. Die Pianistin, Innovatorin und Lehrerin berichtete über ihre 22-jährige Erfahrung mit Klaviaturen in alternativen Mensuren (6.0, 5.5) an Musikhochschulen und in der professionellen Pianistik: vom Aufgreifen einer neuen Idee und dem Gründen einer Graswurzelbewegung bis hin zu empirischer Forschung, internationaler Reichweite und neuen Projekten wie dem Stretto Piano Festival.
    Bei der anschließenden Diskussion immer wieder im Fokus: die befreiende und inspirierende Wirkung auf Spieltechnik, Klang und Performance (nicht nur!) für Pianistinnen und Pianisten mit mittleren und kleineren Fingerspannweiten.