Veranstaltungen

    VERANSTALTUNGEN
    oder
    Fr 27.05
    19:30 Uhr
    Wilhelma Theater
    30,00 €
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    Orphée aux enfers - eine Produktion der Opernschule

    Offenbach

    ORPHEUS IN DER UNTERWELT

    Text von Hector Crémieux unter Mitarbeit von Ludovic Halévy
    Version von 1858

    Gesungen in französischer Sprache mit deutschen Dialogen

    Es singen und spielen Studierende der Opernschule der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart:

    Gunta Cese, Ramona d’Uva, Silvia Häntsche, Zografia
    Madesi, Tanja Kuhn, Tatjana Prybura, Melanie Schlerf, Haruna Yamazaki, Sven Jüttner, Christopher Kaplan, Nico Lindheimer, Daniel Raschinsky, Hitoshi Tamada, Christian Wilms, Patrick Zielke

    Es spielt das Orchester der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

    Musikalische Leitung: Per Borin
    Regie: Bernd Schmitt
    Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen
    Choreografie: Mario Heinemann
    Dramaturgie: Bettina Stiller-Weishaupt

    Das zweite Kaiserreich? Klingt ein wenig nach Second Life und irgendwie muss es wohl auch so ähnlich gewesen sein: très chic und sehr unecht. Als Louis Napoleon sich 1852 als Napoleon III. zum französischen Kaiser krönen ließ, hatte er wenig mehr zu bieten als einen berühmten Namen, hinter den er mit substanzlosen Versprechungen allerhand rivalisierende Gruppen scharte, die ihm mit unterschiedlichsten Hoffnungen die Krone aufs Haupt drückten. Doch der Kaiser war nackt. Ein Programm hatte er nicht vorzuweisen und um den Tag der Ernüchterung möglichst lange hinauszuschieben, galt allgemeiner Festzwang mit üppiger Anschubfinanzierung durch den Hof. Wobei Zwang vielleicht das falsche Wort ist. Niemand musste gezwungen werden, denn die, die noch an der Republik hingen oder es sonst wie genauer wissen wollten, waren deportiert oder eingesperrt und der große Rest lag selig lächelnd im weichen Pfühle und schlief: que notre somme ne vienne jamais à finir.
    Eine Scheinwelt war aufgebaut, ein Haufen potemkinscher Dörfer errichtet und damit die gute Laune nicht durch schlechte Nachrichten oder genaueres Nachdenken verdorben wurde, brauchte man die passende Musik, brillant, schnell und laut genug. Das war die Stunde von Jacques Offenbach. Er komponierte die Musik zum Tanz der Bourgeoisie, die sich des Proletariats glücklich entledigt hatte und die nun ungestört dem Kaiser das Fell über die Ohren ziehen wollte. 1851 war die erste Weltausstellung in London und genau so ein Fest für alle und jeden veranstaltete 1855 auch Napoleon III um im allgemeinen Trubel von seiner völligen Planlosigkeit abzulenken. Offenbach sah seine Chance und nachdem er jahrelang vergeblich versucht hatte, die Opéra-Comique zu erobern, eröffnete er im Jahr der großen Weltausstellung in Paris sein eigenes Theater: die Bouffes-Parisiens.
    Offenbach war zunächst nur gestattet, Theaterstücke mit höchstens zwei, später vier, singenden oder sprechenden Protagonisten aufzuführen. Doch als 1858 diese Beschränkung fiel, machte er sich sofort an die Ausarbeitung eines langgehegten Planes. Er wollte eine Parodie schreiben auf den Orpheus-Mythos. Genauer gesagt, sollte es ein Portrait des zweiten Kaiserreiches werden, gemalt im Gewand der griechischen Götter. Und waren die Bewohner des Olymps schon aus mythologischer Sicht nicht gerade zimperlich, so wurden sie bei Offenbach und seinen beiden Librettisten Halévy und Cremieux aller ihnen noch verbliebenen Anständigkeit und moralischen Integrität beraubt.
    Den Olymp schildern die Autoren als eine vom ewigen unerbittlichen Blau erdrückte, in zuckriger Ambrosia erstarrte Gaunertruppe, die nur noch darum bemüht ist, ihre ohnehin offensichtlichen Verfehlungen durch dreiste Lügengeschichten halbwegs glaubhaft zu bemänteln. Tout pour le décorum et par le décorum. Es zählt nur noch der Schein. Im Sinne einer Radikalaufklärung dürfen wir hinter die Kulissen schauen und erfahren, dass die ach so rührenden Geschichten um treue Liebe, echte Keuschheit und moralischen Anstand nichts sind, als pädagogische Erbauungsliteratur für die faibles mortelles. Doch auch bei diesen sieht es nicht viel besser aus. Orpheus und Eurydice wären froh sich gegenseitig loszuwerden, doch braucht, laut einer Person mit dem sprechenden Namen Öffentliche Meinung, die Nachwelt wenigstens ein Beispiel einer treuen Liebe bis über den Tod hinaus und ihre Wahl fällt auf eben jenes Paar, dessen wahres Leben uns erst die Operette zeigen durfte.
    Überhaupt die Öffentliche Meinung. Eine wahrhaft geniale symbolische Erscheinung mit maximaler Wirkungskraft. Jeder, der ein Amt bekleidet, zittert vor ihr und ist ihr Untertan: Orpheus fürchtet um seine Lektionen, Jupiter droht mit seiner Reputation die Deckung zu verlieren und die ganze Göttertruppe könnte auf Nimmerwiedersehen im Orkus versinken. Völker, hört die Signale! Nur Eurydice scheint nichts zu verlieren zu haben und schert sich einen feuchten Kehricht.
    Gegen die Gefahr durch die Öffentliche Meinung ist ein Aufstand der Götter gegen Jupiter ein Klacks. Der Allvater wehrt ihn mit der linken Hand ab, indem er seinen verzuckerten Nektarnagern einen Ausflug in die Hölle inklusive Party spendiert und schlägt so allerlei Fliegen mit einer Klappe: er strebt seinem nächsten Abenteuer zu (Eurydice), die Öffentliche Meinung wähnt ihn auf dem Wege der Rechtspflege (Eurydice soll Orpheus zurückgegeben werden) und die Truppe gibt Ruhe (Wildschwein statt Ambrosia): c’est en enfer, si l’on comprend la vie!
    Bernd Schmitt

    Premiere: 27. Mai 2011
    weitere Vorstellungen:
    29.5., 1., 5., 10., 12. Juni

    Preiskategorie D: Euro 30/25/20