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KURT WEILL: STREET SCENE
Produktion der Opernschule im Wilhelma Theater

Premiere: So, 03.06.2018, 18 UHR

„Erst mit Street Scene erreichte ich eine wirkliche Verbindung von Drama und Musik, in der das Singen auf natürliche Weise dort einsetzt, wo das Sprechen aufhört und das gesprochene Wort ebenso wie die dramatische Handlung eingebettet ist in eine übergreifende musikalische Struktur.“
Kurt Weill, der nach den Erfolgen mit Die Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vor den nationalsozialistischen Machthabern 1935 in die USA emigrierte, entwickelte seinen Kompositionsstil unter dem Einfluss des amerikanischen Broadway-Musicals zu einer neuen Musiktheaterform. Die geniale Fusion europäischer und amerikanischer Stilistik, von Oper, Operette, Musical, Jazz und populärer Musik bezeichnete Weill 1946 im Jahre der Komposition dieser ,american opera‘ als „das größte und gewagteste Projekt, das ich bisher unternommen habe“.
„Die Figuren im Stück sind Menschen, die wir kennen, mit denen wir Tag für Tag unseres Lebens zusammentreffen.“
Kurt Weill, der bereits 1929 eine Aufführung des mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Theaterstückes von Elmer Rice in Berlin sah, konnte den Autor damals nicht von einer Vertonung überzeugen. Erst 1945 erklärte sich Rice bereit, in Zusammenarbeit mit Langston Hughes, der die Songtexte schrieb, ein Libretto zu verfassen. In elf Monaten komponierte Weill die tragische Geschichte über Anna Maurrant und ihre Familie, die in einer Straße des Schmelztiegels New Yorks spielt.
„Der große Reiz bestand für mich darin, eine Form zu finden, die den Realismus der Handlung in Musik setzt. Das Resultat ist etwas ganz Neues und wahrscheinlich die modernste Form von musikalischem Theater, da es die Technik der Oper verwendet, ohne in die Unnatürlichkeit der Oper zu verfallen.“
In Abstimmung mit Elmer Rice wurden die politischen Aspekte zugunsten, „der diesen Leuten innewohnenden Poesie“ zurückgestellt. Dies verbindet Weill nicht nur dramaturgisch mit Puccini, den er als „ersten Opernkomponisten“ bewunderte, „der die Psychologie menschlicher Beziehungen reflektiert“. Die New York Times lobte Street Scene nach der Uraufführung als „musical play of magnificence and glory”, das „the song of humanity“ im Realismus des von Armut und sozialer Ungerechtigkeit geprägten Lebens findet. Einzig in Deutschland tat man sich lange schwer mit den ,zwei Weills‘. Nach der deutschen Erstaufführung 1955 in Düsseldorf gab es keine Inszenierungen des zweistündigen Werkes zwischen 1958 und 1990. Inzwischen wird das anspruchsvolle Werk an vielen deutschen und internationalen Bühnen gespielt.
Heute ist die Oper aktueller denn je: Koexistenz verschiedener Kulturen und Religionen, soziale Ungerechtigkeit, Intoleranz gegenüber Fremdem, Zukunftsängste und fehlende Perspektiven prägen auch unser (nicht nur städtisches) Leben.

Für die Studierenden der Opernschule an der HMDK Stuttgart ist dieses Ensemblestück mit über 40 Rollen in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung. Die geforderte psychologische Authentizität, die natürliche Ausdrucksform im Wechsel von gesprochenem und gesungenem Wort zu realisieren ist ein wichtiger Baustein in der szenischen Ausbildung, ebenso wie die Beherrschung der verschiedenen musikalischen Stile. Mit dem Regisseur Bernd Mottl und seinem Ausstatter Friedrich Eggert steht den jungen Sänger* innen ein erfahrenes Team zur Seite, das das Stück zuletzt 2013 in der Niedersächsischen Staatsoper Hannover realisiert hat.
„Ich konnte niemals einen Grund dafür sehen, warum der ,gebildete‘ (um nicht zu sagen ,ernste‘) Komponist nicht in der Lage sein sollte, mit seiner Musik auf alle erreichbaren Märkte zu gelangen, und ich habe immer daran geglaubt, dass die Oper ein Teil des lebendigen Theaters unserer Zeit sein sollte. Der Broadway ist heute eines der größten Theaterzentren der Welt. Er besitzt alle technischen und intellektuellen Voraussetzungen für ein ernsthaftes Musiktheater. Er verfügt über einen Reichtum an Sängern, die auch spielen können, an exzellenten Orchestern und Dirigenten, an Choreographen und Ausstattern. Vor allem aber verfügt er über ein ebenso sensibles und empfangsbereites Publikum wie anderswo auf der Welt. Ich habe bei der Beobachtung des Publikums von Street Scene festgestellt, dass wir, als die erste Woge der ,Sensation‘ vorüber war, einen ganz eigenen Zuschauerkreis erreichen und dass es genügend Leute gibt, die Musik und Drama gleichermaßen lieben und in ein Musical Play mit den opernhaften Proportionen von Street Scene strömen (immerhin waren es, während ich diese Zeilen schreibe, bereits über 200.000 Besucher). Müssen wir Konzessionen an den Broadway machen? Ich persönlich glaube nein, denn das Publikum ist bereit, jede musikalische Sprache zu akzeptieren, solange sie stark und überzeugend ist …“

Musikalische Leitung Bernhard Epstein
Regie
Bernd Mottl
Choreografie Catarina Mora
Bühne / Kostüm
Friedrich Eggert
Produktionsleitung Kornelia Repschläger

Orchester aus Studierenden der HMDK Stuttgart