Wir trauern um Prof. Dr. Felix T. Müller (1931-2022)

    Wir trauern um Prof. Dr. Felix T. Müller (1931-2022)

    Anstelle eines Nachrufs – Stimmen ehemaliger Studentinnen und Studenten

    Felix Müller, Erzähler, Beobachter, an Geschichten, am Menschen und Menschlichem Interessierter. Zuhörer. Von seinem Büro an der Schauspielschule bis zu "Pepe", unserem Stammlokal, waren es etwa 400 Meter. Im Büro schlüpft Felix Müller in den rechten Ärmel seines Mantels, erzählt, zündet sich ne Kippe an, schließt ab, erzählt, Treppe runter, die linke Mantelhälfte baumelt am Körper, er erzählt und lacht, lässt den Schlüssel in der Manteltasche verschwinden, lacht und raucht, wühlt im Mantel auf der Suche nach dem linken Ärmel Loch, erzählt, hört zu, raus aus dem Haus, Straße entlang, wühlend erzählend, beobachtet und wühlt, raucht und lacht, wühlt und wühlt, noch 200 Meter, zieht an der Zigarette, erzählt und horcht, hört zu, noch 10 Meter bis zu "Pepe", er findet das Ärmel Loch, schlüpft hinein, der Mantel sitzt, er geht hinein und zieht den Mantel aus. …Und erzählt, horcht, hört zu, voller Witz und Interesse am Urmenschlischen. Ein wunderbarer Mens

    Luc Feit, Schauspieler

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    Felix Müller war der Inbegriff eines Theaterlehrers.
    Er war ein Ermöglicher und Förderer. Sein Blick war genau, sein Urteil war scharf, bisweilen erbarmungslos, seine Kriterien jedoch stets nachvollziehbar. Die Ausbildung verstand er als geschützten Raum, als Schule der Persönlichkeit einerseits und als Ort der Vermittlung eines schauspielerischen Handwerks andererseits.
    Er war neugierig und lehrte Offenheit. Seine Leidenschaft war das Theater - und diese Leidenschaft forderte er auch von seinen Schülerinnen und Schülern und von seinem gesamten Kollegium. Hinter seiner Ernsthaftigkeit lauerte ein kluger Humor, den er immer wieder mit einem verschmitzten Blick über die immer leicht verschmierte Brille aufblitzen ließ. Die Beziehung zu ihm war für viele geprägt vom ambivalenten Spannungsfeld zwischen Affinität und Distanz. Nicht alle konnten das produktiv nutzen. Felix Müller hat jedoch keinen von ihnen je fallen gelassen oder aufgegeben. Menschen wie ihn gibt es in der heutigen Theater- und Hochschulwelt nicht mehr. Nicht zuletzt deshalb wird er fehlen.

    Marcus Grube, Intendant der Württembergischen Landesbühne Esslingen


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    „Mach’s noch mal!“

    „Herr Müller“ - so nannten wir, seine Schauspielschüler, ihn immer. Es war überhaupt nicht leicht mit ihm. Seinen Augen unter dicken Brillengläsern entging kein Fehler, keine Unkonzentriertheit im Rollenunterricht oder bei den leidvollen Gruppenimprovisationen während des ersten Jahrgangs. Und sein Urteil war hart, gnadenlos. Viele von uns hat das erschreckt, auch mich. Felix Müller bestand auf Wahrheit. Realismus war sein Credo. Er konnte durchaus ekelhaft sein (Schüler: „Ich bemühe mich ja!“ Müller: „Bemühen kann sich auch die Putzfrau.“) und Sentimentalität gab es bei ihm nicht. Meiner Meinung nach war er aber nie destruktiv in seinem Unterricht - und auf die ihm eigene unvergleichbare ironische Verschmitztheit konnte er Schüler auch aufbauen. (Schüler, sehr frustriert nach einem Tasso-Rollenausschnitt: „Das ist doch scheisse, was ich da spiele!“ Müller: „Zugegeben, es ist nicht besonders gut. Es ist aber auch nicht besonders schlecht!“). Sein Anspruch war hoch. Als 1987 das frisch renovierte Wilhelma Theater der Musikhochschule Stuttgart übergeben wurde, übernahm er als Leiter die Verpflichtung, mindestens 12 Vorstellungen pro Monat durch Eigenleistung der szenischen Studiengänge Opern- und Schauspielschule und Figurentheater zu bestreiten. Erfahrung als Intendant hatte er genug, denn vor seiner Hochschulprofessur in Stuttgart war er lange Jahre Intendant des TAT Frankfurt gewesen. Er nahm mich damals als musikalischen Schauspielleiter mit ins Boot (schon während der Studienzeit hatte er mich so charakterisiert: „Du kannst schon schauspielen, aber Musik machste besser.“). Meistens wurde die Vorstellungsanforderung des Landes überschritten. Ich kann mich an Jahre erinnern, an denen im Dezember 32 Vorstellungen, nur von der Hochschule bestritten, stattfanden. Ich glaube, das war Felix Müllers glücklichste Zeit. Ich werde nie seine Inszenierung des Sommernachtstraums vergessen, eine umkämpfte Produktion, das Ensemble rebellierte gegen Müller, das Ganze stand auf der Kippe - das Publikum war hingerissen und die Aufführung ist für mich heute noch unerreicht. Ich inszenierte damals auch selbst am WT und ein Musical Projekt „Kiss me Kater“ drohte mir um die Ohren zu fliegen. Müller kam („Das ist ja wirklich Mist“), ordnete so klar und sanft - und die Produktion wurde ein Erfolg. Ebenso war er der Stückeretter der „Kleinen Hexe“, das Kinderstück im Foyertheater, das ich fünf Jahre lange vor ausverkauftem Haus spielte. - Tempi passati. Ich weiß, dass die vorgegebene Altersgrenze für Hochschulprofessoren sehr schmerzhaft für Felix Müller war. Er hätte gerne noch weitergemacht. Ich verlor den Kontakt dann, aber ich weiß, dass er bis ins hohe Alter hinein noch privat weiter unterrichtet hat. Er schätzte aber auch eine (seiner Meinung nach) sportliche Aktivität: das Skatspiel, und da war er ebenso klarsichtig, souverän und erbarmungslos wie in seiner Zeit als Intendant, Hochschulprofessor und großer Theaterlehrer. Ich verneige mich vor ihm und bin in ganzem Herzen bei seinen Angehörigen.

    Oliver Krämer, Schauspieler und Musiker


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    Dr. Felix Müller war nicht nur für mich eine Schlüsselfigur. Ohne ihn hätte ich diesen Beruf niemals ausgeübt. Sein Einfühlungsvermögen, seine Ruhe und Klarheit war väterlich und einzigartig. Seine Ratschläge wichtig für das weitere Leben. Danke Felix Müller!

    Bernd Gnann, Intendant Kammertheater Karlsruhe

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    Die Füße auf den Ballen abgesetzt, beide Hände fast auf die Knie gelegt, den Oberkörper vorgebeugt, die Schultern hochgezogen und mit halb offenem Mund durch eine fettige Brille guckend („gucken“, sprach er übrigens stets korrekt mit „g“ vorne und nicht mit „k“ - hat mich damals schwer beeindruckt). Während andere Dozenten oder Prüfer an anderen Hochschulen in ihren Stühlen flezten, hatte Felix Müller in meinen Augen den neugierigsten und wachsten Blick auf den Theaternachwuchs, den man sich nur wünschen konnte. Diese Körperhaltung hat sich mir tief eingeprägt, denn sie signalisierte den Prüflingen und Studierenden: „Ich interessiere mich für Euch und schaue respektvoll auf Eure Arbeit“. Nicht zuletzt der Grund dafür, dass man sein Urteil ernst nahm, denn man wusste, da hat jemand genau hingeGuckt. Vor einigen Jahren traf ich ihn, Mitte 80, auf einer Stuttgarter Premiere. Er wusste auf Anhieb meinen Namen. Und nicht nur das. Er sagte: „Der Uhse ist auch in Frankfurt, gell?!“ Offenbar hatte er die Stationen und Laufbahnen seiner Studierenden stets aufmerksam verfolgt. Er war ein Schauspielerausbilder durch und durch und mit ihm geht ein großer Theaterliebender! Sehr traurig!

    Sascha Nathan, Schauspieler (Berliner Ensemble)


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    Prof. Dr. Felix Müller war ein gerechter und sozialer Direktor. Ich habe ihm zu verdanken, dass ich mir das Schauspielstudium an der Musikhochschule leisten konnte, weil er den Tutor-Job den Kindern aus sozial schwächeren Familien gegeben hat und ich mir so die Miete meiner kleinen Butze ohne Zusatzarbeit leisten konnte und Schauspieler werden konnte und immer noch in diesem Beruf an einem Theater arbeite. Danke dafür und danke für viele weitere Momente, die ich mit ihnen erleben durfte.

    Antonio Lallo, Schauspieler


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    Er war der Vater meiner Studienzeit. Er hat sich warm angefühlt. Er war nicht nur Lehrer; ein väterlicher Anker. Deutliche Worte hat er gesprochen stets mit einer Aussicht. Ich kann mich stolz schätzen auf seinem Schoß gesessen zu haben.

    Florence Tribon


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    Felix Müller, unser Schauspielschulpapa, hatte starken Einfluss auf meinen beruflichen Werdegang. Nicht nur was er uns beibrachte, sondern vor allem wie hat mich geprägt und nie den Glauben an das Gute in unserer Branche verlieren lassen. Der nachhaltigste Lehrsatz vom Chef war sicherlich: „Das Wichtigste was ihr hier lernen könnt ist euch selbst einzuschätzen. Zu wissen was ihr könnt und was ihr nicht könnt. Und wenn ihr das, was ihr nicht könnt einfach weg lasst seid ihr auf der Bühne nie verloren!“
    Und trotzdem hat er regelmäßig mit uns Skat gespielt!
    In Dankbarkeit und wundervollster Erinnerung

    Andreas Lichtenberg, Schauspieler und Musicaldarsteller

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    Felix T. Müller, früherer Intendant und langjähriger Leiter des Studiengangs Schauspiel an der HMDK)Stuttgart, ist am 10. November 2022 im Alter von 91 Jahren verstorben. Von 1965 bis 1971 war er Intendant der Landesbühne Rhein-Main und des aus ihr hervorgegangenen Frankfurter Theaters am Turm (TAT). Von 1974 bis 1998 war Müller Leiter des Studiengangs Schauspiel und Intendant des Wilhelma Theaters, der Lehr- und Lernbühne der HMDK Stuttgart. Zu seinen Absolvent*innen gehörten zahllose namhafte Schauspieler*innen und Theatermacher*innen wie Marie Bues oder Christian Bey. "Von André Jung und Ulrich Tukur über Stefan Hunstein, Harald Schmidt, Rupert Seidel, Stephan Schad, Luc Feit, Jasmin Tabatabai bis Katja Bürkle war Felix Müller prägend für Generationen", sagt der Intendant der Württembergischen Landesbühne Esslingen, Marcus Grube, der selbst im Schauspielfach an der HMDK Stuttgart studiert hat, gegenüber nachtkritik.de.

    Von Jung ist Müllers Ausspruch überliefert: "Es sind nicht unbedingt die besten Schauspieler, die ein Leben lang am Theater bleiben. André zum Beispiel wird bleiben, er liebt die Theaterkantinen." Brey erinnerte sich anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Schauspielschule mit ähnlichem Augenzwinkern an Müllers Bonmot nach einem Rollenvorspiel: "Für Ulm reicht's", und Brey fügt hinzu "Im Grunde hatte er recht".

    Die Bestattungsfeier findet am Montag, den 21. November 2022 um 11 Uhr
    auf dem Pragfriedhof in 70191 Stuttgart, Friedhofstr. 44, in der oberen Feierhalle statt.