Gruß an S.

    Gruß an S.

    PROLOGUE
    Norá Vermes (2000)/Augustin Lipp (*1997): Introduktion

    I DUNKEL
    Heinz Holliger (*1939): Zinngeschrei - Voi(es)x métallique(s) (1994-2000)
    für einen unsichtbaren Schlagzeuger                      
    Augustin Lipp, Schlagzeug        

    Mátyás Wettl (*1987): Nocturne (2017) 
    David Dong, SeongYeon Kong, Hyunsong Lee, Steije Maurer, Lampen

    ARRANGEMENT – MOUVEMENTS SUR SCÈNE
    Erik Satie (1866 - 1925): Gymnopédie I (1888)
    Tamara Kurkiewicz, Aleksandra Nawrocka, Vibraphon und Marimba

    II KÖRPER
    Robin Hoffmann (*1984): Ansprache (2000)
    Tamara Kurkiewicz

    Igor Strawinsky (1882-1971): Trois pieces faciles pour piano à quatre mains: I Marche (1915)
    Tamara Kurkiewicz, Aleksandra Nawrocka, Marimba

    Thierry de Mey (*1956): Hands (1990)
    Choreographie: Wim Van De Keybus
    SeongYeon Kong, Tom Goemare, Augustin Lipp  

    III HEUTE
    Francis Poulenc (1899-1963): Nocturne Nr. 5 “Phalènes” (1930, arr. Kurkiewicz/Nawrocka)

    Klaus Sebastian Dreher (*1967): Gruß an S. (2022, UA)
    für zwei Frauenstimmen, vier Schlagzeuger und Fernklavier
    Anna Fiveiska, Tamara Kurkiewicz, Hyunsong Lee, Aleksandra Nawrocka, Schlagzeug
    Tobias Furholt, Fernklavier
    Tabea Ratzel, Annika Möller, Stimmen

    Sebastian Triebener (2001): Ohne Titel (2022, UA)
    Tamara Kurkiewicz, Aleksandra Nawrocka, Vibraphon und Marimba

    Augustin Lipp (*1997): Die Welt dreht sich um mich (2022)

    EPILOGUE
    Erik Griswold (*1969): Spill (2007)
    Tom Goemare, Performance  

    Mitwirkende:
    Schlagzeugklasse der HMDK: David Dong, Anna Fiveiska, Tobias Furholt, Tamara Kurkiewicz, SeongYeon Kong, Hyunsong Lee, Steije Maurer, Aleksandra Nawrocka, Tabea Ratzel, Tom Goemare, Augustin Lipp
    Tabea Ratzel, Annika Möller – Stimmen
    Tamara Kurkiewicz, Aleksandra Nawrocka – Vibraphon und Marimba
    Tamara Kurkiewicz - Performance
    Tom Goemare - Performance, Realisation  
    Augustin Lipp - Schlagzeug, Performance, Konzept, Regie
    Klaus Dreher - Cameo
    Eduardo Torroja – Tanz-Coaching
    Chris Beckett – Lichttechnik
    Norá Vermes - Konzept, Regie, Figurenspiel
    Augustin Lipp, Klaus Dreher – Leitung

    Tagebucheintrag Schlemmers, September 1922:
    „(…) Das Triadische Ballett, das mit dem Heiteren kokettiert, ohne der Groteske zu verfallen, das Konventionelle streift, ohne mit dessen Niederungen zu buhlen, zuletzt Entmaterialisierung der Körper erstrebt, ohne sich okkultisch zu sanieren, soll die Anfänge zeigen, daraus sich ein deutsches Ballett entwickeln könnte, das in Stil und Eigenart so verankert wäre, um sich gegenüber vielleicht bewundernswerten, doch wesensfremden Analogien zu behaupten (schwedisches, russisches Ballett).“

    Zum Programm
    Die Figurinen des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer (1888–1943) in der Staatsgalerie Stuttgart haben mich seit meinen ersten Museumsbesuchen als Kind angesprochen. Auch in meiner Studienzeit und danach empfand ich immer eine vertraute Nähe, wenn ich ihnen begegnete. Ohne eine wirklich tiefergehende Auseinandersetzung mit Schlemmers Werk aufgenommen zu haben, näherte ich mich ihm eher umkreisend. Als wir 2012 in Zusammenarbeit mit Peter Daners das Projekt AroundAndAroundAndAroundCage mit einem großen Wandelkonzert der Schlagzeugklasse und Gästen in der Staatsgalerie aufführten, waren die Figurinen Zuschauer und Kulisse einer beeindruckenden Performance von Marie Louise Lind (String Player) und Hitoshi Tamada (Körper) mit John Cages Stück 6'15.1011 for a String Player.

    Auf die 2020 an mich gestellte Anfrage seitens der Staatsgalerie Stuttgart, zum damals noch unter dem Arbeitstitel „Schlemmer on stage“ geplanten Festival anlässlich des 100. Jubiläum der ersten Gesamtaufführung eine Veranstaltung seitens der Musikhochschule beizutragen, habe ich gerne zugesagt.
    Als während der Corona-Pandemie der Schweizer Schlagzeuger Augustin Lipp, preisgekrönter Absolvent unserer Schlagzeugklasse und damals im vertiefenden MA-Studium mit Profil Neue Musik, Experimente mit einem Rhönrad aufnahm, entstand die Idee, diesen Abend gemeinsam mit ihm zu konzipieren.

    In meinen immer wiederkehrenden Begegnungen mit dem Triadischen Ballett empfinde ich eine Analogie zur verwickelten Entstehungsgeschichte, zur schwer greifbaren Werkgestalt und nicht vollständig geklärten Überlieferungslage und Autorschaft. Das Stuttgarter Tänzerpaar Elsa Hötzel (1886–1966) und Albert Burger (1884–1970) verfolgte ab 1912, inspiriert durch einen Aufenthalt bei Émile Jaques-Dalcroze in Dresden-Hellerau, die Idee eines experimentellen Balletts, das sich auf die Dreiheit (Triade) von Tanz, Bildender Kunst und Musik stützen sollte. Oskar Schlemmer, um Mitwirkung als Maler und Bildender Künstler gebeten, wurde schnell zum prägenden Partner, bald auch über die Bildnerische Ebene hinaus. Dagegen fehlte eine entsprechende Person auf der musikalischen Seite. Ein Versuch Schlemmers, Arnold Schönberg zu gewinnen schlug fehl und auch der unbekannt gebliebene italienische Komponist Marco Enrico Bossi, dessen Musik zur ersten Teil-Uraufführung gespielt wurde, konnte diese Position nicht besetzen. Hinzu kam ein Streit um die „geistige Urheberschaft“ des Ballets nach der Premiere 1922 zwischen den Burgers und Schlemmer, der auch vor Gericht ausgetragen wurde und in einem Vergleich endete. Danach unternahm nur noch Schlemmer weitere Anläufe, das Werk als Ganzes auf die Bühne zu bringen.  

    Von den „historischen“ Aufführungen zu Schlemmers Lebzeiten, der Teil-Uraufführung 1916, der vollständigen Uraufführung vor sehr genau 100 Jahren am 30.9.1922 im Württembergischen Landestheater Stuttgart, 1923 in Weimar, 1923 in Dresden, 1926 in Donaueschingen und 1932 in Paris sind die Überlieferungen zur dazu gespielten Musik lückenhaft; Stücke vieler sehr verschiedener Komponisten (u.a. Bossi, Debussy, Galuppi, Händel, Haydn, Mozart) wurden pasticcioartig jeweils neu dafür zusammengestellt.
    Seither gab es mehrfache ambitionierte Anläufe, die Original-Kostüme als das charakteristischste, greifbarste und prägende Element des Werks in Tanzaufführungen zu präsentieren: 1977 initiierte die Akademie der Künste Berlin eine Produktion mit Musik des im Sommer 2022 verstorbenen Hans-Joachim Hespos zur Rekonstruktion und choreographischen Neufassung von „Das Triadische Ballett“, an der auch mein Lehrer Klaus Treßelt als Schlagzeuger mitgewirkt hat. Verschiedene weitere Rekonstruktionen des „historischen“ Balletts wurden 1970 und 2014 in München, 2015/17/19 in Düsseldorf und Krefeld sowie 2019 in Darmstadt aufgeführt, jeweils mit wechselnder, teils eigens dazu komponierter Musik.

    Angesichts dieser Umstände bescheiden wir uns gerne mit einer individuellen Annäherung an die gleichwohl faszinierende Idee vom Triadischen Ballett. Mit unseren vor allem instrumentalen Mitteln, aber auch mit Elementen des Figurentheaters und heutiger Performance-Kunst haben wir assoziativ folgende Stichworte verfolgt und uns von diesen leiten lassen:
    Mensch als Figur im Raum
    Gesamtkunstwerk
    Experiment    
    Teamwork   

    So gedenken wir mit diesem Gruß an S. Elsa Hötzel, Albert Burger und Oskar Schlemmer. Sie verfolgten vor 100 Jahren in Stuttgart Ideen und Ansätze, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts modern und revolutionär waren und uns noch heute eine Quelle sind für suchendes, forschendes und er-findendes Arbeiten in der Kunst.

    September 2022, Klaus Dreher