Veranstaltungen

    VERANSTALTUNGEN
    oder
    Di 16.05
    18:00 Uhr
    Orchesterprobenraum
    Ringvorlesung "Kammermusik interpretieren"
    Eintritt frei
    Empfehlen

    Vortrag von Thomas Seedorf
    Wortloser Gesang

    Wortloser Gesang.
    Instrumentale Kantabilität in der Kammermusik des 19. Jahrhunderts

    Jahrhundertelang wurde die Komposition und Aufführung von Instrumentalmusik am Modell der Vokalmusik und der vokalen Vortragspraxis gemessen: „Alles muß gehörig singen“ forderte etwa Johann Mattheson von den Komponisten, die Instrumentalisten sollten sich, so Leopold Mozart, darum bemühen, „so viel es immer möglich ist“ die Singkunst nachzuahmen.
    Zwar kulminierte zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Emanzipationsprozess der Instrumental- von der Vokalmusik, die Vorbildfunktion des Gesangs verschwand aber nicht. Der Vortrag geht an einigen exemplarischen Werken der Frage nach, wie sich das Ideal einer am menschlichen Gesang orientierten instrumentalen Kantabilität in der Kammermusik des 19. Jahrhunderts wandelte.

    Thomas Seedorf, geb. 1960 in Bremerhaven, studierte zunächst Schulmusik und Germanistik, dann Musikwissenschaft und Musikpädagogik in Hannover. Von 1988 bis 2006 war er als Wissenschaftlicher Angestellter am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Freiburg tätig; seit dem Wintersemester 2006/07 wirkt er als Professor für Musikwissenschaft an der Karlsruher Hochschule für Musik. Zu seinen Forschungsinteressen gehören u. a. Liedgeschichte und -analyse, Aufführungspraxis sowie insbesondere Theorie und Geschichte des Kunstgesangs. Er ist u. a. Sprecher der Fachgruppe Aufführungspraxis und Interpretationsforschung in der Gesellschaft für Musikforschung, Mitherausgeber der Reger-Werkausgabe sowie Projektleiter der Neuen Schubert-Ausgabe.

    Musik manifestiert sich nicht primär im Notentext – zum akustischen Ereignis wird sie erst durch ihre praktische Realisierung, durch Akteure, die sie zum Klingen bringen, sie „interpretieren“. Dass man hier dezidiert von „Interpretation“ spricht und nicht von „Ausführung“, „Umsetzung“ oder dergleichen, spiegelt schon sprachlich den hohen Stellenwert dieses Vorgangs: Musikalische Interpretation ist weit mehr als die schlichte Ausführung von im Notentext codierten Handlungsanweisungen. Sie ist eine reflektierte Praxis, die sich durchaus als „Auslegung“ begreift und z.B. über historische Kontexte informiert ist, ohne aber die Konzertform mit einem Museum zu verwechseln.
    Die wohl brisantesten neueren Entwicklungen auf diesem Gebiet betreffen die Kammermusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach heutiger Kenntnis ist es keineswegs damit getan, z.B. Schubert oder Brahms auf historischen Instrumenten zu spielen. Praktische Ausgaben der Zeit, Instrumentalschulen oder frühe Tonaufnahmen geben Einblicke in eine „fremde Welt“ – eine Spielkultur, die sich von der aktuellen Praxis erheblich unterscheidet. Die neuere Musikwissenschaft hat eine Reihe von faszinierenden, aber auch unbequemen Erkenntnissen zu Tage gefördert: Portamento-Effekte im Gesang und bei den Streichern, die Verwendung von leeren Saiten und Flageoletts, arpeggierte Akkorde und „manuelle Asynchronie“ beim Klavierspiel im späteren 19. Jahrhundert, um nur einige Beispiele zu nennen.

    Die HMDK Stuttgart und HfM Karlsruhe veranstalten im Sommersemester 2017 eine gemeinsame Ringvorlesung über die „Kammermusik der Romantik“ – gemeint ist das Repertoire vom späten Beethoven bis zum frühen Schönberg. Zur Debatte gestellt werden neue Erkenntnisse z.B. zur Sanglichkeit der instrumentalen Kammermusik, zum Gebrauch von Portamenti und geräuschhaften Anteilen im Spiel, zur „Distanzkommunikation“ mit dem Publikum sowie zur Repertoireerweiterung. Die öffentlichen Vorträge werden an aufeinanderfolgenden Tagen an beiden Standorten gehalten, ergänzt durch Konzerte bzw. praktische Demonstrationen. An zwei Praxis-Tagen soll in einem Wechselspiel aus Vorträgen und praktischen Workshops der Transfer von wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischer Umsetzung am konkreten Beispiel erprobt werden. Dabei besteht für Studierende die Gelegenheit, den jeweils anderen Standort zu besuchen. Den Abschluss bildet ein Podium, zu dem neben den beteiligten Wissenschaftlern und Künstlern auch Akteure des aktuellen Musiklebens geladen sind.
     (Anna Bredenbach / Andreas Meyer)