Veranstaltungen

    VERANSTALTUNGEN
    oder
    Di 30.05
    18:00 Uhr
    Orchesterprobenraum
    Ringvorlesung "Kammermusik interpretieren"
    Eintritt frei
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    Vortrag von Friedrich Platz
    Kammermusik auf der großen Bühne?

    Kammermusik auf der großen Bühne?

    Ob in der königlich-aristokratischen Kammer oder im öffentlichen Konzert auf der großen Konzertbühne – die Praxis, Kammermusik in unterschiedlichen Orten und sozialen Räumen darbieten zu können und zu müssen, stellt jeweils neue Anforderungen an die Interpretation dieser Gattung. Im Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, welchen Einfluss die Wahl des Aufführungsortes aus rhetoriktheoretischer Sicht auf die Kommunikationsstrategien von Interpretinnen und Interpreten haben kann. Beispiel sind zwei späte Streichquartettsätze Ludwig van Beethovens.

    Friedrich Platz ist seit 2014 Juniorprofessor für Musikpädagogik an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Schnittfeld von Musikpsychologie und Musikpädagogik und umfassen Fragestellungen wie die Bestimmung optimaler Bedingungen zur Leistung- und Kompetenzentwicklung, die kognitiven Grundlagen des Musiklernens und der musikbezogenen audiovisuellen Performanceforschung.

    Musik manifestiert sich nicht primär im Notentext – zum akustischen Ereignis wird sie erst durch ihre praktische Realisierung, durch Akteure, die sie zum Klingen bringen, sie „interpretieren“. Dass man hier dezidiert von „Interpretation“ spricht und nicht von „Ausführung“, „Umsetzung“ oder dergleichen, spiegelt schon sprachlich den hohen Stellenwert dieses Vorgangs: Musikalische Interpretation ist weit mehr als die schlichte Ausführung von im Notentext codierten Handlungsanweisungen. Sie ist eine reflektierte Praxis, die sich durchaus als „Auslegung“ begreift und z.B. über historische Kontexte informiert ist, ohne aber die Konzertform mit einem Museum zu verwechseln.
    Die wohl brisantesten neueren Entwicklungen auf diesem Gebiet betreffen die Kammermusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach heutiger Kenntnis ist es keineswegs damit getan, z.B. Schubert oder Brahms auf historischen Instrumenten zu spielen. Praktische Ausgaben der Zeit, Instrumentalschulen oder frühe Tonaufnahmen geben Einblicke in eine „fremde Welt“ – eine Spielkultur, die sich von der aktuellen Praxis erheblich unterscheidet. Die neuere Musikwissenschaft hat eine Reihe von faszinierenden, aber auch unbequemen Erkenntnissen zu Tage gefördert: Portamento-Effekte im Gesang und bei den Streichern, die Verwendung von leeren Saiten und Flageoletts, arpeggierte Akkorde und „manuelle Asynchronie“ beim Klavierspiel im späteren 19. Jahrhundert, um nur einige Beispiele zu nennen.

    Die HMDK Stuttgart und HfM Karlsruhe veranstalten im Sommersemester 2017 eine gemeinsame Ringvorlesung über die „Kammermusik der Romantik“ – gemeint ist das Repertoire vom späten Beethoven bis zum frühen Schönberg. Zur Debatte gestellt werden neue Erkenntnisse z.B. zur Sanglichkeit der instrumentalen Kammermusik, zum Gebrauch von Portamenti und geräuschhaften Anteilen im Spiel, zur „Distanzkommunikation“ mit dem Publikum sowie zur Repertoireerweiterung. Die öffentlichen Vorträge werden an aufeinanderfolgenden Tagen an beiden Standorten gehalten, ergänzt durch Konzerte bzw. praktische Demonstrationen. An zwei Praxis-Tagen soll in einem Wechselspiel aus Vorträgen und praktischen Workshops der Transfer von wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischer Umsetzung am konkreten Beispiel erprobt werden. Dabei besteht für Studierende die Gelegenheit, den jeweils anderen Standort zu besuchen. Den Abschluss bildet ein Podium, zu dem neben den beteiligten Wissenschaftlern und Künstlern auch Akteure des aktuellen Musiklebens geladen sind.
    (Anna Bredenbach / Andreas Meyer)