Veranstaltungen

    VERANSTALTUNGEN
    oder
    Di 02.05
    18:00 Uhr
    Orchesterprobenraum
    Ringvorlesung "Kammermusik interpretieren"
    Eintritt frei
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    Vortrag von Andreas Meyer
    Was nicht in den Noten steht

    Was nicht in den Noten steht.
    Portamento, Geräusch und „Sound“ in der Kammermusik

    Der Zeichencharakter der Notentexte, ihr „Schwarz auf Weiß“, vermittelt bei naiver Auffassung den falschen Eindruck einer Buchstäblichkeit der Musik mit gestuften Tonhöhen und präzise bemessenen Rhythmen. Gerade in der Kammermusik hat die einseitige Betonung geistig-ideeller Momente seit dem 19. Jahrhundert den Blick dafür versperrt, dass der wertvollste Teil der Musik gerade nicht in den Noten steht, sondern die geschriebenen Texte transzendiert, wobei sich Wesentliches sozusagen „zwischen“ den Noten abspielt. Während den meisten ausgebildeten Musikern die Bedeutung einer „atmenden“ Agogik oder einer sprachähnlichen Phrasierung und Artikulation prinzipiell klar sind, wurden andere nicht-notierte Gestaltungsmittel im Laufe des 20. Jahrhunderts regelrecht tabuisiert, an erster Stelle wohl die ausgeprägte Portamento-Praxis noch der 1920er Jahre (bei Streichern: das hörbare und gezielt eingesetzte Gleiten beim Lagenwechsel). Ein vermeintlicher Grenzfall sind stark geräuschhafte Anteile im Spiel; sie bilden gleichsam das „Andere“ der klassischen Musik und beglaubigen doch – als körperliche Spur – ein besonders „expressives“ (romantisches?) Spiel.

    Andreas Meyer studierte Violine in Lübeck und Musikwissenschaft, Soziologie und Philosophie in Freiburg i.Br. und Berlin. Seit 2007 Professor für Musikwissenschaft an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Veröffentlichungen u.a. zur Musik des 19. und 20. Jahrhunderts, zu Musik und Dichtung („musikalische Lyrik“), zur Ästhetik und Soziologie der Musik und zur Geschichte der Avantgarde. Zum Thema der Ringvorlesung erschien u.a. der Sammelband Robert Schumann – das Spätwerk für Streicher (Stuttgarter Musikwissenschaftliche Schriften 2), hrsg. von Andreas Meyer, Mainz: Schott 2012.

    Musik manifestiert sich nicht primär im Notentext – zum akustischen Ereignis wird sie erst durch ihre praktische Realisierung, durch Akteure, die sie zum Klingen bringen, sie „interpretieren“. Dass man hier dezidiert von „Interpretation“ spricht und nicht von „Ausführung“, „Umsetzung“ oder dergleichen, spiegelt schon sprachlich den hohen Stellenwert dieses Vorgangs: Musikalische Interpretation ist weit mehr als die schlichte Ausführung von im Notentext codierten Handlungsanweisungen. Sie ist eine reflektierte Praxis, die sich durchaus als „Auslegung“ begreift und z.B. über historische Kontexte informiert ist, ohne aber die Konzertform mit einem Museum zu verwechseln.
    Die wohl brisantesten neueren Entwicklungen auf diesem Gebiet betreffen die Kammermusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach heutiger Kenntnis ist es keineswegs damit getan, z.B. Schubert oder Brahms auf historischen Instrumenten zu spielen. Praktische Ausgaben der Zeit, Instrumentalschulen oder frühe Tonaufnahmen geben Einblicke in eine „fremde Welt“ – eine Spielkultur, die sich von der aktuellen Praxis erheblich unterscheidet. Die neuere Musikwissenschaft hat eine Reihe von faszinierenden, aber auch unbequemen Erkenntnissen zu Tage gefördert: Portamento-Effekte im Gesang und bei den Streichern, die Verwendung von leeren Saiten und Flageoletts, arpeggierte Akkorde und „manuelle Asynchronie“ beim Klavierspiel im späteren 19. Jahrhundert, um nur einige Beispiele zu nennen.

    Die HMDK Stuttgart und HfM Karlsruhe veranstalten im Sommersemester 2017 eine gemeinsame Ringvorlesung über die „Kammermusik der Romantik“ – gemeint ist das Repertoire vom späten Beethoven bis zum frühen Schönberg. Zur Debatte gestellt werden neue Erkenntnisse z.B. zur Sanglichkeit der instrumentalen Kammermusik, zum Gebrauch von Portamenti und geräuschhaften Anteilen im Spiel, zur „Distanzkommunikation“ mit dem Publikum sowie zur Repertoireerweiterung. Die öffentlichen Vorträge werden an aufeinanderfolgenden Tagen an beiden Standorten gehalten, ergänzt durch Konzerte bzw. praktische Demonstrationen. An zwei Praxis-Tagen soll in einem Wechselspiel aus Vorträgen und praktischen Workshops der Transfer von wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischer Umsetzung am konkreten Beispiel erprobt werden. Dabei besteht für Studierende die Gelegenheit, den jeweils anderen Standort zu besuchen. Den Abschluss bildet ein Podium, zu dem neben den beteiligten Wissenschaftlern und Künstlern auch Akteure des aktuellen Musiklebens geladen sind.
    (Anna Bredenbach / Andreas Meyer)