Veranstaltungen

    VERANSTALTUNGEN
    oder
    Di 18.04
    18:00 Uhr
    Orchesterprobenraum
    Ringvorlesung "Kammermusik interpretieren"
    Eintritt frei
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    Vortrag von Matthias Wiegandt
    Anfechtungen des Miteinanders

    Anfechtungen des Miteinanders. Zur Interpretation von Kammermusik

    Das Idealbild gelungener Kammermusik speist sich aus der Vision eines hinhörenden, verständigen und zwanglosen Miteinanders. Es orientiert sich an der Aufführungssituation, bezieht jedoch das komponierte Gefüge unterschwellig ein. Die Folge: zwei Projektionen überlagern einander; das Idealbild bekommt Risse und Flecken. Der Vortrag untersucht die kompositorische Seite anhand von Partituren Edvard Griegs. Die Anfechtungen des interpretatorischen Miteinanders werden live-praktisch am Beispiel eines selten gespielten Trios von Robert Volkmann (1815-1883) reflektiert.

    Matthias Wiegandt, geboren 1965 in Unna. Studium der Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie in Freiburg. 1995 Dissertation über die Symphonie im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts und das Phänomen der Epigonalität. 1995-1991 Assistent an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 2002 Habilitation. 2004 Berufung auf eine Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Interessengebiete: neuere und neueste Musik, Interpretationsforschung, Filmmusik, Musikvermittlung in den Medien.

    Musik manifestiert sich nicht primär im Notentext – zum akustischen Ereignis wird sie erst durch ihre praktische Realisierung, durch Akteure, die sie zum Klingen bringen, sie „interpretieren“. Dass man hier dezidiert von „Interpretation“ spricht und nicht von „Ausführung“, „Umsetzung“ oder dergleichen, spiegelt schon sprachlich den hohen Stellenwert dieses Vorgangs: Musikalische Interpretation ist weit mehr als die schlichte Ausführung von im Notentext codierten Handlungsanweisungen. Sie ist eine reflektierte Praxis, die sich durchaus als „Auslegung“ begreift und z.B. über historische Kontexte informiert ist, ohne aber die Konzertform mit einem Museum zu verwechseln.
    Die wohl brisantesten neueren Entwicklungen auf diesem Gebiet betreffen die Kammermusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach heutiger Kenntnis ist es keineswegs damit getan, z.B. Schubert oder Brahms auf historischen Instrumenten zu spielen. Praktische Ausgaben der Zeit, Instrumentalschulen oder frühe Tonaufnahmen geben Einblicke in eine „fremde Welt“ – eine Spielkultur, die sich von der aktuellen Praxis erheblich unterscheidet. Die neuere Musikwissenschaft hat eine Reihe von faszinierenden, aber auch unbequemen Erkenntnissen zu Tage gefördert: Portamento-Effekte im Gesang und bei den Streichern, die Verwendung von leeren Saiten und Flageoletts, arpeggierte Akkorde und „manuelle Asynchronie“ beim Klavierspiel im späteren 19. Jahrhundert, um nur einige Beispiele zu nennen.

    Die HMDK Stuttgart und HfM Karlsruhe veranstalten im Sommersemester 2017 eine gemeinsame Ringvorlesung über die „Kammermusik der Romantik“ – gemeint ist das Repertoire vom späten Beethoven bis zum frühen Schönberg. Zur Debatte gestellt werden neue Erkenntnisse z.B. zur Sanglichkeit der instrumentalen Kammermusik, zum Gebrauch von Portamenti und geräuschhaften Anteilen im Spiel, zur „Distanzkommunikation“ mit dem Publikum sowie zur Repertoireerweiterung. Die öffentlichen Vorträge werden an aufeinanderfolgenden Tagen an beiden Standorten gehalten, ergänzt durch Konzerte bzw. praktische Demonstrationen. An zwei Praxis-Tagen soll in einem Wechselspiel aus Vorträgen und praktischen Workshops der Transfer von wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischer Umsetzung am konkreten Beispiel erprobt werden. Dabei besteht für Studierende die Gelegenheit, den jeweils anderen Standort zu besuchen. Den Abschluss bildet ein Podium, zu dem neben den beteiligten Wissenschaftlern und Künstlern auch Akteure des aktuellen Musiklebens geladen sind.
     (Anna Bredenbach / Andreas Meyer)